OFFENER BRIEF_Kurzfassung
Bildungsbenachteiligte Kinder - dringend notwendige Schritte zur Beseitigung der Chancenungleichheit
Um die ungleichen Chancen auf eine gelingende Zukunft von Kindern aus sozioökonomisch bedrängten Familien zu verringern, ist Frühe Bildung (Entwicklungsanregung) entscheidend. Erfolgt diese nicht, bedeutet dies lebenslange Nachteile für die Betroffenen.
Wir, eine Gruppe von Expert: innen aus unterschiedlichen Bereichen der Wissenschaft, Pädiatrie, dem Journalismus, verschiedenen Institutionen und Verbänden, appellieren daher an Sie als Verhandlungsführende zu den Themenbereichen Bildung, Gesundheit, Familie und Soziales, sich dieser wichtigen Aufgabe anzunehmen und in aktives Handeln umzusetzen. Denn es besteht dringender Handlungsbedarf, da die Dimension dieser bereits im frühen Kindesalter begründeten Chancenungleichheit - wie im Folgenden dargestellt - gewaltig ist und weiter zunimmt.
Wo liegt das Problem?
Jährlich erreichen in Deutschland über 50.000 Kinder und Jugendliche keinen Hauptschulabschluss. Ganz überwiegend kommen diese aus L-SES-Familien (Familien des unteren sozioökonomischen Status). Die Ursache dieses Problems liegt wesentlich in einer mangelhaften frühkindlichen Entwicklungsanregung, wodurch die inputabhängige Entfaltung der angeborenen Potenziale gehemmt wird und diese sich nicht entfalten können. Die Folgen sind Störungen der sprachlichen, kognitiven und sozial-emotionalen Entwicklung bereits in der frühen Kindheit.
Was resultiert daraus?
Das Schicksal dieser Kinder und Jugendlichen ist nicht nur eine persönliche Tragödie mit unbefriedigender Zukunftsperspektive. Es stellt zugleich eine kinder- und menschenrechtlich unhaltbare Situation dar. Neben den individuellen Nachteilen für die Betroffenen ergeben sich auch gravierende gesellschaftliche und volkswirtschaftliche Folgen: Der Gesellschaft entstehen in vielen Bereichen erhebliche materielle Kosten und immaterielle Schäden.
Was lief bislang schief?
Trotz für die frühe Kindheit wichtiger Hilfe- und Unterstützungseinrichtungen wie der Frühen Hilfen, Familienzentren, Interdisziplinären Frühförderstellen, Sozial-pädiatrische Zentren, Familienbildungsstätten, Jugendämter, subsidiären Gesundheitsdiensten und insbesondere Kindertageseinrichtungen bestehen seit Jahren die frühkindlichen Entwicklungsdefizite der sozioökonomisch benachteiligten Kinder fort.
Die Kluft zwischen frühkindlich gut entwicklungsgeförderten und schlecht geförderten Kindern in Hinblick auf ihre Fähigkeiten-Entwicklung nimmt sogar noch zu, wie die neueren Einschuluntersuchungen zeigen. Dies liegt zum einen an der schon lange bestehenden Unterfinanzierung dieser wichtigen entwicklungsfördernden Einrichtungen. Zudem sind für L-SES-Familien der faktische Zugang und die Qualität der Kindertageseinrichtungen, insbesondere der U3-Kindertagesstätten, nicht ausreichend.
Was ist zu tun?
Folgende Lösungsansätze schlagen die Expert:innen aus Wissenschaft, Pädiatrie, Hilfesystemen sowie dem Journalismus konkret vor:
-Aufsuchende Betreuung der hier in den Blick genommenen Familien durch kompetente Sozialraumlots:innen zur kontinuierlichen familiären Beratung, ggf. Terminbegleitung und ggf. U3-Kitaplatzbeschaffung
- Umsetzung des Anspruchs auf frühzeitige frühkindliche Förderung
- Verbesserung der Qualität frühkindlicher Förderung und Vernetzung der Angebote
- Quantitativer und qualitativer Ausbau der U3-Kita-Plätze
- Konsequentere Umsetzung der Inklusion
- Bedarfsgerechte Mittelerhöhung der Frühen Hilfen
Eine Ausweitung und Verbesserung der außerfamiliären, institutionellen frühen Entwicklungsförderung der Kinder bei gleichzeitigen Hilfe- und Unterstützungs-angeboten an die Eltern ist entscheidend.
Eine genauere Analyse der bestehenden Situation, eine Darstellung der dringend verbesserungsbedürftigen Schwachpunkte und eine Erläuterung der Verbesserungs-vorschläge finden Sie in der vorliegenden Langfassung des Offenen Briefe sowie unter www.deutsches-kinderbulletin.de
Unterzeichnende (in umgekehrter alphabetischer Reihenfolge)
Prof.in Dr. Sabine Walper, Deutsches Jugendinstitut, München; Prof. Dr. Hans Weiß, Hochschule Nordhausen; Prof.in Dr. Katharina C. Spieß, Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung, Wiesbaden; Prof. Dr. Armin Sohns, Hochschule Nordhausen; Prof. Dr. Andreas Seidel, Hochschule Nordhausen; Dipl. Volkswirt Raimund Schmid, Wissenschaftsjournalist, Aschaffenburg; Prof. Dr. Heinrich Ricking, Institut für Frühpädagogik, Uni Leipzig; Dipl.Päd.in Mechthild Paul, Nationales Zentrum Frühe Hilfen, Köln; Dr. Andreas Oberle, Sozialpädiatrisches Zentrum, Stuttgart; Prof. Dr. Jörg Maywald, Fachhochschule Potsdam; Dr.in Ulrike Horacek, Deutsche Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin, Dortmund; Regine Hauch, Wissenschaftsjournalistin, Düsseldorf; Dr. Wolfram Hartmann, ehemaliger Präsident des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzt*innen, Kreuztal; Dr. Ulrich Fegeler, Deutsches Kinderbulletin, Berlin; Dr.in Maria del Pilar Andrino Garcia, Caritas Behindertenhilfe und Psychiatrie (CBP) e.V.
Unterstützende Verbände und Gesellschaften
Arbeitsgemeinschaft der deutschen Familienorganisationen (AGF)
Bündnis Kinder- und Jugendgesundheit (BKJ)
Deutsche Gesellschaft für Kinderheilkunde und Jugendmedizin (DGKJ)
Berufsverband der Kinder und Jugendärzt*innen (BVKJ)
Deutsche Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin (DGSPJ)
Deutsche Gesellschaft für Ambulante Allgemeine Pädiatrie (DGAAP)
Bundesverband der Familienzentren
Bundeselternverband KITA (BEVKI)
Deutsche Liga für das Kind
Verband für Interdisziplinäre Frühförderung - Bundesvereinigung (VIFF) e.V.
Caritas Behindertenhilfe und Psychiatrie (CBP) e.V.
Deutsches Kinderhilfswerk e.V.
Der Kinderschutzbund Bundesverband